RPR1 'Angedacht': Spiegelbild

Pfarrerin Dr. Sigrun Welke-Holtmann spricht “Angedacht” bei RPR1 am Montag, 19. Mai 2008:

Ein Spiegel, wir haben ihn alle, zuhause in unseren Badezimmern, Kleiderschränken, Handtaschen. Riesengroß oder gerade mal fürs Gesicht, zum in die Tasche stecken. Mit schönen Verzierungen, oder einfach nur so. Eine ebene Fläche, mit Silber oder Aluminium behandelt, sie wirft das Bild zurück, das sich ihr gegenüber bietet.

Ich schaue in diesen Spiegel, ich habe die Erwartung, etwas zu sehen, mich zu sehen, so wie ich bin, so wie ich mich mir vorstelle. Will ich die schönen Seiten sehen oder die hässlichen? Die großen Poren, die Falten oder die glatte Haut? Ich schaue in diesen Spiegel, und mich schaut eine Frau an, etwa in meinem Alter. Irgendwie kommt sie mir bekannt vor, und doch ist sie mir fremd. Kann ich ihre Geschichte in ihren Augen lesen? Kann sie vielleicht meine Geschichte in meinen Augen lesen? Sieht sie vielleicht in mein Inneres hinein, viel tiefer, als ich es je einem Menschen erlauben würde?

Ich schaue in diesen Spiegel, ganz freiwillig, denke ich, und doch bekomme ich ihn irgendwie vorgehalten. Er zeigt mir Dinge, die ich nicht sehen möchte, an mir, an meinem Verhalten. Oder Dinge, die ich noch nie gesehen habe. Ich möchte meinen Blick abwenden, und doch zieht mich das Bild an, das ich vor Augen gehalten bekomme, weil es nicht nur Gegenwart, sondern auch Vergangenheit und Zukunft ist, alles vereint in einem Spiegelbild.

Ein Spiegel, wir haben ihn alle, zuhause in unseren Badezimmern, Kleiderschränken, Handtaschen. Riesengroß oder gerade mal fürs Gesicht.

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