RPR1 'Angedacht': Spiegelbild

Pfarrerin Dr. Sigrun Welke-Holtmann spricht “Angedacht” bei RPR1 am Montag, 19. Mai 2008:

Ein Spiegel, wir haben ihn alle, zuhause in unseren Badezimmern, Kleiderschränken, Handtaschen. Riesengroß oder gerade mal fürs Gesicht, zum in die Tasche stecken. Mit schönen Verzierungen, oder einfach nur so. Eine ebene Fläche, mit Silber oder Aluminium behandelt, sie wirft das Bild zurück, das sich ihr gegenüber bietet.

Ich schaue in diesen Spiegel, ich habe die Erwartung, etwas zu sehen, mich zu sehen, so wie ich bin, so wie ich mich mir vorstelle. Will ich die schönen Seiten sehen oder die hässlichen? Die großen Poren, die Falten oder die glatte Haut? Ich schaue in diesen Spiegel, und mich schaut eine Frau an, etwa in meinem Alter. Irgendwie kommt sie mir bekannt vor, und doch ist sie mir fremd. Kann ich ihre Geschichte in ihren Augen lesen? Kann sie vielleicht meine Geschichte in meinen Augen lesen? Sieht sie vielleicht in mein Inneres hinein, viel tiefer, als ich es je einem Menschen erlauben würde?

Ich schaue in diesen Spiegel, ganz freiwillig, denke ich, und doch bekomme ich ihn irgendwie vorgehalten. Er zeigt mir Dinge, die ich nicht sehen möchte, an mir, an meinem Verhalten. Oder Dinge, die ich noch nie gesehen habe. Ich möchte meinen Blick abwenden, und doch zieht mich das Bild an, das ich vor Augen gehalten bekomme, weil es nicht nur Gegenwart, sondern auch Vergangenheit und Zukunft ist, alles vereint in einem Spiegelbild.

Ein Spiegel, wir haben ihn alle, zuhause in unseren Badezimmern, Kleiderschränken, Handtaschen. Riesengroß oder gerade mal fürs Gesicht.

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Rockland Radio 'Feels Like Heaven': Olivenbaum

Dekan Christian Rust, Rockenhausen, spricht ‘Feels Like Heaven’ bei Rockland Radio am Montag, 19. Mai 2008:

Ich habe dieser Tage ein Wunder erlebt. Genau genommen war es natürlich kein Wunder, sondern die Kunst des Überlebens. Aber ich habe gestaunt!

Vor Jahren habe ich mir aus dem Urlaub in Italien Olivenkerne mitgebracht und in Erde gelegt. Ein paar sind gewachsen. Ein einziges Bäumchen habe ich selbst behalten. Es ist fast schon so groß wie ich selbst.

Nun habe ich es im letzten Herbst zum Überwintern in den Keller gestellt. Und dann habe ich eine Zeit lang vergessen, meine Pflanzen zu gießen. Als ich wieder nachgeschaut habe, war die Olive vertrocknet, die Blätter eingerollt und ganz hart. Ich habe das Bäumchen angefasst, da sind die Blätter einfach abgefallen.

Dann habe ich trotzdem weiter gegossen. Jede Woche, diesmal ganz gewissenhaft. Und vor kurzem, ich hatte die Hoffnung schon fast aufgegeben, sah ich winzige grüne Blättchen aus versteckten Augen heraus spießen!

So ähnlich hat es wohl der Gärtner in einem Gleichnis Jesu gemeint. Dem hatte der Gartenbesitzer befohlen, einen vertrockneten Baum abzuhauen und zu verbrennen. Darauf sagte der Gärtner: Lass mich den Boden noch einmal um-graben, gut düngen. Gib dem Baum noch eine Chance. (Lukas 13)

Meine Olive hat ihre Chance noch einmal bekommen. Ich auch.

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