RPR1 "Angedacht": Geisterstunde.

Pfarrerin Julia Neuschwander, Landau, spricht ‘Angedacht’ bei RPR1 am Samstag, 22. Mai 2010:

Herzlich willkommen zur Geisterstunde, rund 6 Stunden nach Mitternacht. Heute an Pfingsten geht es um einen Geist, genauer: Den Geist Gottes, den Heiligen Geist. Die Art, wie Gott heute noch in der Welt auftaucht.

Da kein Mensch Gott je gesehen hat, ist auch sein Geist schwer zu begreifen. An Geister glaubt längst keiner mehr. Schon gar nicht an einen Heiligen Geist.

Die Welt verändern – das können heute vielleicht große Konzerne, mächtige Menschen, oder einfach nur Geld.
Aber auch Gottes Geist. Wenn er in dieser Welt etwas verändert, dann zuerst die Menschen selbst. Als Heiliger Geist, verändert er im Sinne Gottes. Zugegeben: Das ist ganz schön optimistisch gedacht.

Dass wir ungebremst auf den Abgrund zurasen, die Umwelt zerstören und die Finanzsysteme crashen. An solche Katastrophen glauben wir leichter als an Gottes Eingreifen zum Guten. Doch genau darauf vertrauen Christen.

Heute an Pfingsten feiern sie, dass es Auswege gibt. Auswege aus den Verzweiflungs-Szenarien unserer Welt. Aus der persönlichen Verzweiflung wie aus der Weltuntergangsstimmung insgesamt.

Weil Gott diese Welt nicht gemacht hat, um sie von uns zerstören zu lassen. Und weil Gott uns nicht gemacht hat, damit wir aufgeben und verzweifeln. Egal, was uns noch bevorsteht: Gott schickt seinen Geist, damit wir leben. Ganz schön optimistisch.

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RPR1 "Angedacht": Endspurt mit Kopfschmerzen.

Pfarrerin Julia Neuschwander, Landau, spricht ‘Angedacht’ bei RPR1 am Freitag, 21. Mai 2010:

Nur noch das Examen lag vor mir. Ich hatte viel gelernt. Es ging um den Endspurt, die allerletzte Prüfung. Meine Mitbewohner waren übers Wochenende nach Hause gefahren. Ich war allein. Es war nicht mehr viel Zeit. Nur noch dieses Wochenende und wenige Tage.

Und auf einmal wurde mir übel. Ich bekam schreckliche Kopfschmerzen. Egal, ob Schreibtischlampe oder Sonnenlicht – Licht tat weh, sehr weh in meinen Augen. Wie sollte ich da lesen und schreiben, von Denken und Lernen ganz zu schweigen?

Ich war verzweifelt. Umso verzweifelter ich wurde, umso schlimmer wurden die Kopfschmerzen. Umso schlimmer die Kopfschmerzen wurden, umso weniger konnte ich lernen. Das Zimmer war abgedunkelt. Ich konnte nichts tun. Nicht einmal schlafen. Nur weinen. Es war schlimm.

In meinem Dämmerzustand kam mir etwas in den Sinn. „Der Herr segne dich und behüte dich.“ Was sollte das sein? Ein Spruch, ein Lied?

„Er lasse sein Angesicht über dir leuchten und sei dir gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf dich.“ Ein Segensspruch, den ich früher einmal gehört hatte. Langsam wurde ich ruhiger, mein Atem regelmäßiger. Die Kopfschmerzen hämmerten nicht mehr so heftig an meine Stirn.

„... und gebe dir Frieden. Amen.“ Dann war ich ganz ruhig. Mir war klar: Egal, wie die Prüfungen laufen, ich bin gesegnet“.

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RPR1 "Angedacht": Die zitternde Frau.

Pfarrerin Julia Neuschwander, Landau, spricht ‘Angedacht’ bei RPR1 am Donnerstag, 20. Mai 2010:

Es ist wohl der Horror eines jeden Redners: mitten in einem wichtigen Vortrag macht sich der Körper selbständig. Schüttelt sich in unbeherrschten Zuckungen. Einer Frau ist genau das passiert.

Siri Hustvedt ist eine erfahrene Rednerin und erfolgreiche Schriftstellerin. Doch als sie einen Vortrag über ihren verstorbenen Vater hält, fängt sie plötzlich an zu zittern. Noch nie zuvor war ihr so was passiert.

In ihrem Buch „Die zitternde Frau“ fragt sich Siri Hustvedt: Was macht einen Menschen aus und wie lässt sich das beschreiben? Wer oder was bin ich und wer oder was nicht?

„Es gibt Zeiten, da widerstrebt es uns allen, anzunehmen, was unser Eigen sein sollte;“ schreibt sie, “es ist uns fremd, und wir wollen es nicht in die Geschichten aufnehmen, die wir um unser Selbst spinnen.“

Wie schwer es ist, der eigenen Wahrheit mit Worten nachzujagen, beschreibt sie in ihrem Buch. Denn das eigene Ich ist immer mehr als nur unser bewusstes Selbst. Meine eigene Geschichte erzählen, sagt Siri Hustvedt, bedeutet, eine Geschichte mit „Löchern“, mit „unausgesprochenen Brüchen“ zu erzählen.

Die eigene Existenz mit ihren Löchern und Brüchen anzunehmen; zu erkennen, dass ich ein Geschöpf und nicht Gott bin – das ist die Lösung für Siri Hustvedt: „Als zitternde Frau ziehe ich Bilanz: der Wahrheit am nächsten kam ich, als ich anfing zu zittern.“

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RPR1 "Angedacht": Gewaltfreie Erziehung.

Pfarrerin Julia Neuschwander, Landau, spricht ‘Angedacht’ bei RPR1 am Mittwoch, 19. Mai 2010:

Ein kleiner Mensch wird geboren. Für die Eltern bedeutet dieser Moment oft das größte Glück. Neben Liebe und Wärme geben sie ihrem Kind auch einen Namen und viele entscheiden sich dazu, dass Kind taufen zu lassen.

Mit der Taufe wird klar: ein Kind ist keineswegs das Eigentum seiner Eltern. Es ist ihnen anvertraut, ans Herz gelegt, aber sie besitzen es nicht.

Seit 10 Jahren wird damit in Deutschland ernst gemacht. Solange ist Eltern mittlerweile gesetzlich verboten, ihre Kinder zu schlagen. Weil Menschenrechte nicht an der Haustür aufhören. Und Kinder ein Recht haben auf Erziehung ohne Gewalt.

20 von 47 europäischen Ländern haben die Prügelstrafe inzwischen per Gesetz verboten. Viel zu wenig, meint der Europarat in Straßburg, der für die Überwachung von Menschenrechten zuständig ist.

So warten beispielsweise französische, italienische und russische Kinder immer noch auf ein solches Gesetz, das juristisch absichert, was in der Taufe zum Ausdruck kommt.

„Welchen Namen habt ihr eurem Kind gegeben?“ fragt der Pfarrer die Eltern bei einer evangelischen Taufe. Wenn der Name genannt ist, nimmt der Pfarrer manchmal das Neugeborene aus dem Arm der Eltern und hält es hoch.

Es ist dann für alle sichtbar: ein eigener kleiner Mensch mit allen Rechten. Ein Individuum. Eine Persönlichkeit. Ein eigener schützenswerter kleiner Mensch.

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RPR1 "Angedacht": Wo ist die zweite Socke?

Pfarrerin Julia Neuschwander, Landau, spricht ‘Angedacht’ bei RPR1 am Dienstag, 18. Mai 2010:

Es ist eins der ganz großen Rätsel der Menschheit: Zwei Socken kommen in die Waschmaschine, aber nach dem Waschen kommt nur noch eine einzelne Socke wieder raus. Total geheimnisvoll.

Wie auch dieses andere uralte Rätsel der Menschheit: „Das Gute. das ich will, das tue ich nicht. Sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich.“ Sei es in der Kindererziehung, in der Beziehung, unter Kolleginnen und Kollegen, es ist schon fatal: Je mehr der Mensch das Gute will, umso weniger gelingt es ihm. Warum?

Liegt es daran, dass wir Menschen uns eben doch nicht frei entscheiden können, ob wir lieben oder hassen? Oder daran, dass der Mensch unfähig ist zum Guten, weil seine ursprünglich guten Kräfte nachhaltig gestört sind? Oder ist es so etwas wie eine dunkle Macht, die den Menschen vom Guten abbringt und zum Bösen zieht?

Dieses Rätsel ist eine harte Nuss, an der sich schon viele die Zähne ausgebissen haben: der Apostel Paulus, Martin Luther, Philipp Melanchthon – und ganz aktuell – Margot Käßmann. „Es war eine Dummheit von mir im ungünstigsten Moment.“ Sagt sie zu ihrer Alkoholfahrt. „ Ich verstehe es nicht, aber ich stehe dazu.“

Es ist und bleibt uraltes Rätsel der Menschheit. Das Sockenrätsel ist dagegen vergleichsweise einfach: es gibt nur folgende Lösungen: a) eine Socke verschwindet durch das Flusensieb, b) sie landet in der falschen Schublade, oder c) sie verschwindet im mitgewaschenen Bettbezug.

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RPR1 "Angedacht": Ein schwarz-blau-grünes Siegel.

Pfarrerin Julia Neuschwander, Landau, spricht ‘Angedacht’ bei RPR1 am Montag, 17. Mai 2010:

„Wen kümmert´s, wenn in China ein Sack Reis umkippt?“ Keinen? Doch. Uns in Deutschland kümmerts, ob in Afrika, Asien und Lateinamerika fair gehandelt wird.

Im vergangenen Jahr hat der Umsatz von fair gehandelten Produkten in Deutschland zugenommen. Um 26 Prozent verglichen mit dem Vorjahr. Das ist immerhin ein Umsatz von 267 Millionen Euro.

Die Menschen, die fair gehandelte Produkte kaufen, empfinden sich als Familie. Als Menschheitsfamilie mit den Menschen in Afrika, Asien und Lateinamerika, denen auch die Kinder der anderen nicht egal sind.

Das blau-schwarz-grüne Fairtrade-Siegel auf den Verpackungen von Textilien und Blumen, Süßwaren, Sportbälle und Fruchtsäfte in den Verkaufsregalen Discountern und Supermärkten garantiert gerechtere Handelsbeziehungen.

Produkte mit diesem Siegel sind definitiv nicht mithilfe von Kinderarbeit hergestellt worden und ökologisch unbedenklich. Die Erzeuger bekommen faire Preise bei langfristigen Handelsbedingungen.

Die benachteiligten Produzentenfamilien in Afrika, Asien und Südamerika sollen so besser gestellt, die Binnenwirtschaft gestärkt und ungerechte Weltwirtschaftsstrukturen abgebaut werden. Damit in Zukunft gerechter Handel in weltweiten Strukturen möglich sein wird. Kümmern wir uns drum!

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RPR1 "Angedacht": Eyjafjallajökull.

Pfarrer Werner Schleifenbaum, Selters, spricht ‘Angedacht’ bei RPR1 und ‘Feels like heaven’ bei Rockland Radio am Sonntag, 16. Mai 2010.

Du bist so schön, wie du so ruhig und still da liegen kannst, von Schnee bedeckt. Wie groß du bist, eintausend sechshundertundsechsundsechzig Meter hoch. Du kannst beides sein, glühend heiß und eiskalt. Allein deine Eiskappe beeindruckt mit ihren achtundsiebzig Quadratkilometern Größe.

Du faszinierst durch deine Spontaneität, die andere schon mal ins Chaos treiben kann. Scheinbar alles kann die europäische Union regulieren, dich aber nicht. In nur sechs Tagen kannst du einhundert tausend Flüge streichen.

Wenn wir denken, dass du nun Ruhe gibst, arbeitest du weiter im Untergrund. Und zeigst, dass wir mit dir rechnen müssen. Du erinnerst mich an die Zeit, als wir Menschen noch wussten, dass nicht alles machbar ist. Dass die Natur uns nicht einfach gehorcht. Dass es Größeres gibt als uns selbst. Dass Gott uns eine Umwelt erschaffen hat, die unseren Respekt verdient.

So bist auch du für mich ein Bote Gottes, so wie ein Engel. Und bezeugst mir seine Größe und Majestät. Und auch dein Name ist so einzigartig und so wunderschön, mit Bewunderung und mit Anerkennung spreche ich ihn aus und preise darin den Schöpfer, der dich gemacht hat, den Vulkan und Gletscher der Inselberge: Eyjafjallajökull.

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