RPR1 "Angedacht": Endspurt mit Kopfschmerzen.
Pfarrerin Julia Neuschwander, Landau, spricht ‘Angedacht’ bei RPR1 am Freitag, 21. Mai 2010:
Nur noch das Examen lag vor mir. Ich hatte viel gelernt. Es ging um den Endspurt, die allerletzte Prüfung. Meine Mitbewohner waren übers Wochenende nach Hause gefahren. Ich war allein. Es war nicht mehr viel Zeit. Nur noch dieses Wochenende und wenige Tage.
Und auf einmal wurde mir übel. Ich bekam schreckliche Kopfschmerzen. Egal, ob Schreibtischlampe oder Sonnenlicht – Licht tat weh, sehr weh in meinen Augen. Wie sollte ich da lesen und schreiben, von Denken und Lernen ganz zu schweigen?
Ich war verzweifelt. Umso verzweifelter ich wurde, umso schlimmer wurden die Kopfschmerzen. Umso schlimmer die Kopfschmerzen wurden, umso weniger konnte ich lernen. Das Zimmer war abgedunkelt. Ich konnte nichts tun. Nicht einmal schlafen. Nur weinen. Es war schlimm.
In meinem Dämmerzustand kam mir etwas in den Sinn. „Der Herr segne dich und behüte dich.“ Was sollte das sein? Ein Spruch, ein Lied?
„Er lasse sein Angesicht über dir leuchten und sei dir gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf dich.“ Ein Segensspruch, den ich früher einmal gehört hatte. Langsam wurde ich ruhiger, mein Atem regelmäßiger. Die Kopfschmerzen hämmerten nicht mehr so heftig an meine Stirn.
„... und gebe dir Frieden. Amen.“ Dann war ich ganz ruhig. Mir war klar: Egal, wie die Prüfungen laufen, ich bin gesegnet“.
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RPR1 "Angedacht": Die zitternde Frau.
Pfarrerin Julia Neuschwander, Landau, spricht ‘Angedacht’ bei RPR1 am Donnerstag, 20. Mai 2010:
Es ist wohl der Horror eines jeden Redners: mitten in einem wichtigen Vortrag macht sich der Körper selbständig. Schüttelt sich in unbeherrschten Zuckungen. Einer Frau ist genau das passiert.
Siri Hustvedt ist eine erfahrene Rednerin und erfolgreiche Schriftstellerin. Doch als sie einen Vortrag über ihren verstorbenen Vater hält, fängt sie plötzlich an zu zittern. Noch nie zuvor war ihr so was passiert.
In ihrem Buch „Die zitternde Frau“ fragt sich Siri Hustvedt: Was macht einen Menschen aus und wie lässt sich das beschreiben? Wer oder was bin ich und wer oder was nicht?
„Es gibt Zeiten, da widerstrebt es uns allen, anzunehmen, was unser Eigen sein sollte;“ schreibt sie, “es ist uns fremd, und wir wollen es nicht in die Geschichten aufnehmen, die wir um unser Selbst spinnen.“
Wie schwer es ist, der eigenen Wahrheit mit Worten nachzujagen, beschreibt sie in ihrem Buch. Denn das eigene Ich ist immer mehr als nur unser bewusstes Selbst. Meine eigene Geschichte erzählen, sagt Siri Hustvedt, bedeutet, eine Geschichte mit „Löchern“, mit „unausgesprochenen Brüchen“ zu erzählen.
Die eigene Existenz mit ihren Löchern und Brüchen anzunehmen; zu erkennen, dass ich ein Geschöpf und nicht Gott bin – das ist die Lösung für Siri Hustvedt: „Als zitternde Frau ziehe ich Bilanz: der Wahrheit am nächsten kam ich, als ich anfing zu zittern.“
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RPR1 "Angedacht": Gewaltfreie Erziehung.
Pfarrerin Julia Neuschwander, Landau, spricht ‘Angedacht’ bei RPR1 am Mittwoch, 19. Mai 2010:
Ein kleiner Mensch wird geboren. Für die Eltern bedeutet dieser Moment oft das größte Glück. Neben Liebe und Wärme geben sie ihrem Kind auch einen Namen und viele entscheiden sich dazu, dass Kind taufen zu lassen.
Mit der Taufe wird klar: ein Kind ist keineswegs das Eigentum seiner Eltern. Es ist ihnen anvertraut, ans Herz gelegt, aber sie besitzen es nicht.
Seit 10 Jahren wird damit in Deutschland ernst gemacht. Solange ist Eltern mittlerweile gesetzlich verboten, ihre Kinder zu schlagen. Weil Menschenrechte nicht an der Haustür aufhören. Und Kinder ein Recht haben auf Erziehung ohne Gewalt.
20 von 47 europäischen Ländern haben die Prügelstrafe inzwischen per Gesetz verboten. Viel zu wenig, meint der Europarat in Straßburg, der für die Überwachung von Menschenrechten zuständig ist.
So warten beispielsweise französische, italienische und russische Kinder immer noch auf ein solches Gesetz, das juristisch absichert, was in der Taufe zum Ausdruck kommt.
„Welchen Namen habt ihr eurem Kind gegeben?“ fragt der Pfarrer die Eltern bei einer evangelischen Taufe. Wenn der Name genannt ist, nimmt der Pfarrer manchmal das Neugeborene aus dem Arm der Eltern und hält es hoch.
Es ist dann für alle sichtbar: ein eigener kleiner Mensch mit allen Rechten. Ein Individuum. Eine Persönlichkeit. Ein eigener schützenswerter kleiner Mensch.
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RPR1 "Angedacht": Ein schwarz-blau-grünes Siegel.
Pfarrerin Julia Neuschwander, Landau, spricht ‘Angedacht’ bei RPR1 am Montag, 17. Mai 2010:
„Wen kümmert´s, wenn in China ein Sack Reis umkippt?“ Keinen? Doch. Uns in Deutschland kümmerts, ob in Afrika, Asien und Lateinamerika fair gehandelt wird.
Im vergangenen Jahr hat der Umsatz von fair gehandelten Produkten in Deutschland zugenommen. Um 26 Prozent verglichen mit dem Vorjahr. Das ist immerhin ein Umsatz von 267 Millionen Euro.
Die Menschen, die fair gehandelte Produkte kaufen, empfinden sich als Familie. Als Menschheitsfamilie mit den Menschen in Afrika, Asien und Lateinamerika, denen auch die Kinder der anderen nicht egal sind.
Das blau-schwarz-grüne Fairtrade-Siegel auf den Verpackungen von Textilien und Blumen, Süßwaren, Sportbälle und Fruchtsäfte in den Verkaufsregalen Discountern und Supermärkten garantiert gerechtere Handelsbeziehungen.
Produkte mit diesem Siegel sind definitiv nicht mithilfe von Kinderarbeit hergestellt worden und ökologisch unbedenklich. Die Erzeuger bekommen faire Preise bei langfristigen Handelsbedingungen.
Die benachteiligten Produzentenfamilien in Afrika, Asien und Südamerika sollen so besser gestellt, die Binnenwirtschaft gestärkt und ungerechte Weltwirtschaftsstrukturen abgebaut werden. Damit in Zukunft gerechter Handel in weltweiten Strukturen möglich sein wird. Kümmern wir uns drum!
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RPR1 "Angedacht": In der Mitte des Lebens.
Pfarrerin Julia Neuschwander, Landau, spricht ‘Angedacht’ bei RPR1 am Samstag, 13. Februar 2010:
„Weiblich, fromm, geschieden“ so hat die Presse getitelt, als Margot Kässmann im letzten Jahr zur Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland wurde. Die Wahl der über 50jährigen, geschiedenen Mutter von vier Töchtern wurde heiß diskutiert.
Ein Vorbild auch im Privatleben sollen Pfarrerinnen sein, forderten die einen. Andere fanden: Auch eine Pfarrerin ist nur ein Mensch. Und 25 Jahre Ehe muss man ihr erst mal nachmachen.
Neben all den Schlagzeilen über Margot Käßmann, kann man auch ein eigenes Buch von ihr lesen. „In der Mitte des Lebens“ – so heißt das neue Werk der Pfarrerin, Bischöfin und EKD-Ratsvorsitzenden.
Ein Bestseller. Denn Margot Kässmann spricht darin ganz frei über Schönheit und Scheitern, ihren eigenen Brustkrebs, Freundschaft und Alleinsein, Krankheit und Glück, Jugendlichkeit und Älterwerden. Es wird klar: Margot Kässmann füllt ihr Amt als Pfarrerin aus.
Auch, indem sie mutig politische Impulse setzt, wie Anfang des Jahres in ihrer Neujahrspredigt. „Nichts ist gut in Afghanistan“, hat sie gesagt und damit eine neue Diskussion über deutsche Soldaten in Afghanistan angeregt.
Die eigenen Schwächen nicht verleugnen und sich couragiert einmischen in gesellschaftliche und politische Fragen – dadurch wird Margot Käßmann wirklich zum Vorbild.
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RPR1 "Angedacht": Das Kreuz bringt neues Leben.
Pfarrerin Julia Neuschwander, Landau, spricht ‘Angedacht’ bei RPR1 am Freitag, 12. Februar 2010:
Das Kreuz bringt neues Leben. Nach seinen unsäglichen Leiden am Kreuz ist Jesus Christus auferstanden und hat den Tod ein für allemal besiegt. Für die Menschen in Haiti könnte wahr werden, was Christen seit Ostern glauben.
Die Menschen aus Haiti, diesem geschundenen Land, haben vieles ertragen. Diktaturen, Bürgerkriege, Armut und Elend. Schon seit vielen Jahren kommen dringend benötigte Förderprogramme nicht richtig in Gang, dazu ist jegliche Aufbauarbeit an den Mächtigen des Landes gescheitert. Dann das Erdbeben: Tausende Tote, unzählige Verletzte, dazu ein verwüstetes Land.
Das Kreuz bringt neues Leben. Die Haitianer könnten es in den nächsten Monaten und Jahren hautnah erleben. Denn das Leiden eines Landes ist öffentlich geworden durch die Bilder im Fernsehen.
Verschüttete Menschen, leidende Kinder und Erwachsene. Weltweit haben Menschen Mitgefühl empfunden mit den Menschen in Haiti. Mit ihnen haben sie die Toten beklagt, mit ihnen haben sie gejubelt bei der Rettung jedes tot geglaubten verschütteten Menschen.
Die Menschen fühlen mit den Haitianern und sie helfen. Mit einem Mal sind sie da: die Gelder für den Wiederaufbau. Erste Hilfsprojekte laufen an. Die Überlebenden haben jetzt eine Chance. Das Kreuz bringt neues Leben. Haiti wäre es wirklich zu wünschen.
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RPR1 "Angedacht": "Weiberaufstand".
Pfarrerin Julia Neuschwander, Landau, spricht ‘Angedacht’ bei RPR1 am Donnerstag, 11. Februar 2010:
Heute sind die Frauen an der Macht. An Weiberfastnacht gibt´s viele abgeschnittene Krawatten, entfesselte Furien und einen Hauch von Revolution. Denn wenn die Frauen heute in den Faschingshochburgen die Rathäuser stürmen, proben sie damit ganz klar den Aufstand gegen eine – gefühlte – übermächtige Männerwelt.
Heute sind die Frauen an der Macht und fordern närrisch-selbstbewusst Gleichberechtigung. Dabei hat sich ja schon einiges getan. Im Grundgesetz ist die Gleichstellung von Mann und Frau klar geregelt. Auch wenn sie im Alltag immer wieder neu erkämpft werden muss.
Ein Kampf, den nicht zuletzt auch christliche Männer und Frauen führen. Gerade in der Bibel finden sie Ansätze für ein geschwisterliches, faires Miteinander, wenn es im Neuen Testament heißt: „Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau, denn ihr seid allesamt eins in Christus.“
Dazu passt der Weiberfasching. Denn das ist so ein Tag, an dem im närrischen Treiben die Unterschiede manchmal gleich auf den Kopf gedreht werden: Ob Arm oder reich, Frau oder Mann, Ortsansässiger oder Zugezogener.
Den Hexen unter uns wünsche ich heute schon mal viel Spaß! Und freue mich über ihr närrisches Hexenregiment. Weil sie uns damit den Spiegel vorhalten. Darin sehen wir nichts anderes als unsere noch immer ziemlich verrückte Welt!
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