RPR1 'Angedacht': Vor dem Ewigkeitssonntag
Pfarrerin Julia Neuschwander, Landau, spricht ‘Angedacht’ bei RPR1 und ‘Feels Like Heaven’ bei Rockland Radio am Samstag, 22. November 2008:
Es machte ihm anscheinend nichts aus, dass es ziemlich lange dauerte: Für jeden Verstorbenen und jede Verstorbene zündete er umständlich eine einzelne Kerze an, der Pfarrer meiner Kindheit. Keine Orgel, kein Lied, die ungewohnte Stille im Gottesdienst zog sich in die Länge. Mir war es peinlich.
Zwischendurch Husten, Räuspern und Naseschnäutzen aus den Bankreihen. Dazu die Schritte des Pfarrers auf dem Steinboden. Für alle sichtbar versuchte er immer wieder, den Docht einer widerspenstigen kleinen Kerze an einer großen zu entzünden. Am Schluss brannten sie dann doch noch alle in einer Reihe, die Kerzen auf dem Altar. Mehr oder weniger gerade, tapfer leuchtend mit ihrem kleinen hellen Widerschein in den nass beschlagenen grauen Fensterscheiben.
„Soll ich sterben,“ schrieb Martin Luther, „so bin ich nicht allein im Tod, leid` ich, sie leiden mit mir: Christus mit allen heiligen Engeln und Seligen im Himmel und frommen Menschen auf Erden.“
Am Sonntag gedenken evangelische Kirchengemeinden ihrer Toten, der Verstorbenen des letzten Jahres. Schön ist, wie der Tag auch genannt wird: Ewigkeitssonntag.
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RPR1 'Angedacht': Mode-Victim
Pfarrerin Julia Neuschwander, Landau, spricht ‘Angedacht’ bei RPR1 und ‘Feels Like Heaven’ bei Rockland Radio am Freitag, 21. November 2008:
Ein echtes Mode-Victim hat keine Wahl. Mit seidenen Schlingen gefesselt lässt sich das Mode-Opfer seine Identität von Marken und Labels diktieren, auf hochhackigen Schuhen hastet es wie eine Süchtige seiner Droge hinterher…
Ich möchte auch endlich mal wissen: Welche Rolle spielt sie denn nun, die Farbe Rot in diesem Herbst? Was ist mit den neuen ellenbogenlangen Handschuhen? 80er Jahre-Jacketts oder Rock-Kostüme im Fifty-Look? Und die große Frage: Wie hoch sind die Stiefel? Bis zum Knöchel oder übers Knie?
Bin ich jetzt eigentlich auch schon eins? Ein Modeopfer, wie die, die im Fernsehen kokett aufseufzen und ernsthaft aussagen, dass ihr Denken doch ziemlich zentral um Modefragen kreist?
Ich bin keins. Kein Mode-Victim. Denn – obwohl es mir in dieser Stiefelfrage wirklich schwer fällt – ich schaff es noch, mich ehrlich zu fragen: Was kann ich davon wirklich tragen? Wie viel Bequemlichkeit möchte ich opfern für einen gelungenen Auftritt? Und: Wie viel Geld bin ich bereit, dafür ausgeben? Das entscheide ich selbst, da bin ich kein Opfer, sondern frei.
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RPR1 'Angedacht': Dessen Name nicht genannt werden darf
Pfarrerin Julia Neuschwander, Landau, spricht ‘Angedacht’ bei RPR1 und ‘Feels Like Heaven’ bei Rockland Radio am Donnerstag, 20. November 2008:
„Der, dessen Name nicht genannt werden darf.“ So hieß bekanntlich der gefährliche Widersacher bei Harry Potter, dessen Name nur Harry Potter aussprechen konnte. Und auch wer den Namen des großen Führers Nordkoreas, dessen Name Ausländer nicht in den Mund nehmen dürfen, ausspricht, bekommt Ärger. Und das nicht nur im Roman, denn die Namensnennung des Diktators Kim ist bei hoher Strafe verboten – in der zur Zeit letzten stalinistischen Diktatur.
„Du sollst den Namen deines Gottes nicht missbrauchen.“ Heißt es schon in der Bibel. Gottes Name wurde in der Bibel so verschlüsselt, dass er beim besten Willen nicht mehr auszusprechen war.
Anders als bei Voldemort und Kim hat dieser unaussprechliche Name einen heilvollen Sinn: „Finde selber heraus, wer Gott ist!“ Ein Name, der sich verhüllt, um Größeres zu enthüllen. Ein Gebot, das nicht Strafe ist, sondern Aufforderung zur Suche. Der Name Gottes, der in der Bibel selbst schon so übersetzt wurde: „Ich bin der, als der ich mich euch je und je erweisen werde.“
Auf die ganz besondere Beziehung kommt es an, wie Gott sich zu jedem einzelnen Menschen verhält: verheißungsvoll und erhellend, tröstend und liebend. Die Aufgabe heißt:„Suche selbst die richtigen Namen für Gott, wie er sich dir je und je erweist.“
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RPR1 'Angedacht': Stell' Dir vor, es ist Feiertag
Pfarrerin Julia Neuschwander, Landau, spricht ‘Angedacht’ bei RPR1 und ‘Feels Like Heaven’ bei Rockland Radio am Mittwoch, 19. November 2008:
Stell dir vor, es ist Feiertag, und keiner hat`s gemerkt. So vielleicht heute am Buß- und Bettag. Vor 20 Jahren hätten wir uns heute im Schlaf noch mal umgedreht und später gemütlich gefrühstückt. Ach ja, zur Kirche hätte man auch noch gehen können.
Buß- und Bettag, ein ruhiger Feiertag in einer trüben Jahreszeit. Egal, ob im Kirchraum oder Zuhause: geschenkte Zeit zum Zusichkommen und Innerlich-neu-Sortieren mitten in einer atemlosen Woche. Wenn die bunten Blätter längst von den Bäumen abgefallen sind, wenn es grau und regnerisch wird. Ein legaler Ort zur gepflegten Melancholie, eine Heimat für ernste Gedanken, um das, was das Leben wesentlich macht. Das ist heilsam. Das spüre ich.
Werden wir in Zukunft noch mehr Feiertage verlieren? Lässt sich die Welt wirklich unbegrenzt immer weiter beschleunigen? Ich ärgere mich, dass der Buß- und Bettag kein Feiertag mehr ist. Als Arbeitstag ist er ein Schritt in die falsche Richtung. Die christlichen Feiertage lasse ich mir nur ungern nehmen.
Zeit zum Zu-sich-Kommen, eine Heimat für ernste Gedanken, um das, was das Leben wesentlich macht. Das macht einen Feiertag aus und tut allen gut, an Weihnachten, Ostern wie heute.
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RPR1 'Angedacht': Leben ohne Geld
Pfarrerin Julia Neuschwander, Landau, spricht ‘Angedacht’ bei RPR1 und ‘Feels Like Heaven’ bei Rockland Radio am Dienstag, 18. November 2008:
Sie braucht sich keine Sorgen um ihr Geld zu machen, denn sie braucht kein Geld: Die 66 jährige Rentnerin Heidemarie Schwermer lebt ohne Geld und festen Wohnsitz und das seit zwölf Jahren. Statt dessen tauscht sie. Arbeitskraft gegen Kost und Logis, Kinderbetreuung gegen Unterkunft, Kochdienst und Gartenarbeit gegen Beköstigung. Ihre eigene Rente verschenkt sie an Menschen in Not.
„Mein Vernetztsein, das ist meine Sicherheit.“ Sagt Frau Schwermer und zieht als Nomadin von Haus zu Wohnung bei Familien in der ganzen Bundesrepublik, die längst ihre Freunde geworden sind. Was sie voll Liebe in einen Garten pflanzt, daran erfreuen sich erst mal andere.
Erst übers Jahr sieht sie, was daraus geworden ist. Und was sonst noch so wächst: Auf ihre Anregung hin gibt es mittlerweile viele der sogenannten „Gib- und Nimmhäuser“ in Kiel und Krefeld, München und Berlin. Schon Mitte der 90er hatte die ehemalige Lehrerin, Bewegungs- und Psychotherapeutin Tauschringe im Ruhrgebiet gegründet. Sie wollte damit Mittellosen ohne Geld ein reiches und glückliches Leben ermöglichen. Auf neue Weise.
Die Rechnung ging auf. Für sich und andere. Sie lächelt entspannt: „Ich vertraue darauf, immer das zu bekommen, was ich zum Leben brauche.“
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RPR1 'Angedacht': Wer will schon gerne Wurm sein?
Pfarrerin Julia Neuschwander, Landau, spricht ‘Angedacht’ bei RPR1 und ‘Feels Like Heaven’ bei Rockland Radio am Montag, 17. November 2008:
Wer will schon gerne Wurm sein? Schon zu biblischen Zeiten hielt man den Wurm für das niedrigste aller Geschöpfe: „ Ich aber bin Wurm und kein Mensch ein Spott der Leute und verachtet vom Volke.„
Ob Wurm oder Mensch, Mensch oder Wurm, eigentlich gibt es gar keinen so großen Unterschied. Der Molekulargenetiker Ralf Baumeister dazu: „Es gibt erstaunlich viele Gemeinsamkeiten von Mensch und Wurm.“ Mehr als die Hälfte aller Gene von Mensch und Wurm sind nämlich identisch, so die neusten Ergebnisse der Bioinformatik.
50% genetischen Code, die beim Fadenwurm entschlüsselt sind, haben auch wir Menschen zu bieten. Baumeister, übrigens ein Fan des Fadenwurms, gerät über das Wurmsein des Caenorhabditis elegans buchstäblich ins Schwärmen: wie sich Millionen von ihm in einer Handvoll Erde umeinander tummeln, klein wie ein Komma, geschmeidig und elegant. Wie sie den Humus bearbeiten und so weiteres Leben ermöglichen.
Wer will schon gerne Wurm sein? Falsche Frage, denn zu 50% sind wir es sowieso schon, Wurm. Eins ist jedenfalls sicher: Er ist nützlich, der Wurm. Und als Humusbereiter und Lebensspender keineswegs zu verachten.
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RPR1 'Angedacht': Die Deutschen und das Glück
Pfarrerin Julia Neuschwander, Landau, spricht ‘Angedacht’ bei RPR1 am Samstag, 2. August 2008:
Immer nur das machen, wozu man Lust hat, immer glücklich sein und entspannt: Was für ein Stress! Zum Glück sind die Sommerferien vorbei, und damit auch die Urlaubszeit.
Wir Deutschen haben es beim Glücklichsein aber auch besonders schwer. Das sagt schon die Statistik. Da rangieren wir eher im Mittelfeld, genauer gesagt auf Platz 81 in der internationalen Statistik des Glücklichseins. Die glücklichsten Menschen der Welt findet man anderswo. Sie wohnen auf Vanuatu, Platz 1 auf der Liste, einer Insel in der Südpazifik. Was haben die, was wir nicht haben?
Anders: Sie haben nichts von dem, was wir haben. Und das macht sie glücklich. Die Leute dort sind ärmer und können sich wegen der verschiedenen Sprachen auf der Insel kaum untereinander verständigen. Viele Errungenschaften der Zivilisation haben sie noch nicht kennen gelernt. Sie macht glücklicher als alle anderen, dass sie in einer freundlichen Gemeinschaft leben, ihre Familien zusammen halten und jeder sich eine Freude daraus macht, anderen zu helfen oder einen Gefallen zu tun.
Machen wir Deutschen also etwas falsch? Irgendwie schon – zumindest wenn wir der Statistik glauben.
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